"Was bin ich eigentlich?", stelle ich mir im Stillen selbst die Frage, als ich da vor den Toiletten des Pizza Huts in Warschaus wenig atemberaubender Innenstadt stehe. Ich war eigentlich nicht hergekommen, um mir Fragen über den Sinn des Lebens zu machen oder um mich selbst zu finden, nein, vielmehr war ich hier aus einem ganz einfachen Grund: Der menschlichen Notdurft nach der zweiten großen Orangenlimonade. Und doch sollte sich gerade hier die Frage stellen, was ich nun eigentlich bin, welche Rolle ich auf dieser Erde spiele oder, um ganz präzise zu sein, welche gottverdammte Türe ich nehmen muss.Piktogramme schön und gut, doch war deren Erfindung nicht eigentlich zur Vereinfachung des Lebens gedacht? Anfänglich wohl schon, allerdings hatte der Erfinder der lustigen Symbole und Männchen ohne Füße und Hände wohl die Rechung ohne findige Innenausstatter und fantasievollen Grafikkünstler gemacht. So hat wohl jeder schon solche Momente selbst durchgemacht. Die Blase drückt, der Kopf leicht schief angewinkelt und die Augen brennend fixiert auf ein 10cm großes Symbol auf Augenhöhe einer Türe gerichtet, hinter der sich der Ort der Erlösung befinden soll. Da gibt es die tollsten Ideen und die witzigsten Gags. Warum bedeutet ein auf einer Bettpfanne sitzendes Piktogrammkind Damen-WC? Können männliche Piktogrammkinder ausschliesslich mit durchgedrückten Hohlkreuz im Stehen pinkeln? Trotz allem meistern wir doch irgendwie immer die Situation mit einem gewissen Erfolgserlebniss, finden wir hinter der piktogrammkinderverziehrten Türe auch die gewünschte, geschlechtsspezifische Toilettenausstattung wieder.Doch was zum Teufel war hier los? Welch abstrakten Gehirnwendungen scheinen die Bewohner von Polens Hauptstadt zu besitzen? Und was zum Teufel bin ich? - Fragen über Fragen stellen sich mir als ich verzweifelt meine Auswahl betrachte: Kreis oder Dreieck?Mein Gehirn arbeitet. Ich überlege, wiege ab, versuche abstrakt zu denken und dann doch wieder logisch: Ist der Kreis als zartes, rundes Objekt die Metapher zur weiblichen Vollkommniss und Schönheit? Hat das Dreieck das typisch raue in jedem Manne? Oder aber spiegelt das Dreieck die Form des Rocks wieder, welchen die Piktogrammdame in der Heimat trägt? Da steh ich nun, verlagere das Gewicht in Anbetracht des steigenden Drucks in der unteren Körperregion von einem Bein auf das andere und fasse auf Grund der Dringlichkeit und des dahinfliehenden Zeitlimits bis zum Supergau eine Entscheidung. Ich atme noch einmal tief ein, der Puls steigt, das Gefühl, vergleichlich mit dem eines Bombenentschärfers bei der Wahl zwischen grünen und blauen Kabel, läßt mich schwitzen. Ein letzter tiefer Atemzug, dann bin ich bereit. Entschlossen mache ich einen Schritt nach vorne und stoße die Türe meiner Wahl auf. Dahinter finde ich vier keramikweise Urinals, die dort sauber aufgereit an der Wand warten wie treue Soldaten beim Morgenappell. Sie stehen dort still und warten auf Ihre Aufgabe, als ich an ihnen vorbeischreite, mit straffer Brust und stolz darauf, ein Stück weit näher zu sein, an der Lebensaufgabe der Selbstfindung. Denn ich weis nun: Ich bin nicht nur der Piktogrammjunge mit dem durchgedrückten Kreuz. Ich bin nicht nur der Huttragende Mann auf dem Zebrastreifenschild. Nein, ich bin um eine Erfahrung reicher: Ich bin ein Dreieck! Und das mir berechtigtem Stolz!
Montag, 25. Juni 2007
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